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23.04.2020 11:38 Alter: 73 days
Kategorie: AGZ-Ressourcenzentrum

Corona und der Arbeitsmarkt – ein Interview mit dem HR-Manager Dr. Alexander Norman


Aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen, haben wir ein bereits vereinbartes Treffen mit Dr. Alexander Norman, seines Zeichens HR-Manager und Wirtschaftsjurist mit langjähriger Expertise im Arbeitsrecht und der Personalentwicklung, per Video-Konferenz abgehalten. Wie Norman die aktuellen Zahlen und Entwicklungen des österreichischen Arbeitsmarktes beurteilt und wie der Arbeitgeberzusammenschluss als Modell nun ins Spiel kommen könnte, verrät er uns im Interview.

Herr Dr. Norman, welche ersten Schlüsse ziehen Sie aus den arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen, die uns das Corona-Virus bislang beschert hat?
Alexander Norman: Leider machen sich nur wenige Menschen Gedanken über die steigende Anzahl von Arbeitslosen und deren Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Aller Wahrscheinlichkeit wird auch die Zahl der Altersarbeitslosen steigen, wobei eine große Zahl im Graubereich bleiben, das heißt nicht erfasst wird. Auch der landesweite Einsatz von Kurzarbeit kann die Kaufkraft nur symbolisch erhalten, einen Konsum nicht wirklich steuern. Das zeigt auch der massive Ölpreisverfall. Außerdem ist die Bürokratie teilweise überdimensioniert und sollte arbeitstechnisch rationalisiert und massiv reduziert werden. Weiters werden Arbeitsplätze durch Reformen wie durch Digitalisierung eingespart werden.

Aber sind Rationalisierung und Digitalisierung nicht Faktoren, die in letzter Konsequenz zu Arbeitsplatzverlusten führen?
Gerade in Zeiten der Krise ist davon auszugehen, dass es genug Arbeit gibt, da viele Probleme, viele Projekte einfach noch nicht gelöst bzw. angegangen wurden. Nicht nur im Pflege- und Gesundheitsbereich, sondern in anderen Branchen entsteht zusätzlicher Bedarf.

Die Krise als Chance für neue Arbeitsplätze?
Um neue Arbeit zu schaffen müssten folgende Maßnahmen getroffen werden. Arbeit müsste vom Begriff her weiter definiert werden und Erwerbsarbeit auf bisher nicht bezahlte Arbeit ausgeweitet werden.
Arbeit müsste auch besser verteilt werden, wobei auch eine moderate Arbeitszeitverkürzung verkraftbar sein sollte. Die durch Reduktion von Arbeitslosigkeit erreichten Produktionssteigerungen sowie Schaffung neuer Arbeitsplätze könnten zu einer Entlastung der Lohnkosten verwendet werden und damit zu einer Verstärkung des Arbeitsangebotes führen. Schon die Reduktion von Überstunden könnte zu Mehrarbeit führen, darüber hinaus könnten auch branchen- wie unternehmensspezifische Arbeitszeitverkürzungen zu mehr Arbeit führen.
Eine weiter entwickelte Arbeitszeitflexibilisierung kann sowohl individuellen Bedürfnissen der Arbeitnehmer wie auch arbeitgeberseitigen Produktionsbedingungen und Kriterien für eine kundenorientierte Leistungserbringung entsprechen. Wenn dies auch nach einer Quadratur des Kreises anmutet, so gibt es schon Beispiele aus der Praxis, wo gewisse Engpässe wie auch unterschiedliche Auslastungen bewältigt werden konnten.
Eine Verbilligung der Arbeit müsste der Wirtschaft und ihrer Wettbewerbskraft zugutekommen. Zudem dürfte es keine Altersvorrückungen geben, die nicht mit objektivierbaren Veränderungskriterien zu begründen sind. Ferner darf es keine Überqualifizierten geben, wenn man es schafft, deren Qualifikation adäquat einzusetzen, wofür Arbeitgeber und Arbeitnehmer verantwortlich zu machen sind.
Ferner kann durch Aufgabe bzw. faktische und rechtlich abgesicherte Anhebung des Pensionsantrittsalters eine zusätzliche workforce geschaffen werden, die entsprechend eingesetzt, nicht bloß Fachkräftemangel beseitigt, sondern das Pensionssystem entlastet. Das würde auch einem individuell zuordenbaren Rechtsanspruch auf Arbeit, einem allgemein gültigen Menschenrecht entsprechen.

Bei Ihrem Maßnahmenpaket braucht es jedoch zwei relevante Akteure: die Politik, die den Rahmen dafür schafft, und die Arbeitgeber, die die Maßnahmen auch in den Betrieben umsetzen. Sehe ich das richtig?
Grundsätzlich ist zwischen betrieblich durchzuführenden Maßnahmen zur Schaffung bzw. Erhalt von Arbeit und externen neu geschaffenen Arbeitsplätzen wie etwa Unternehmensgründungen, Start-Ups und originären Betriebsansiedelungen zu unterscheiden.  Für beide Bereiche bedarf es ebenfalls kreativer Köpfe und mutiger Investoren, Business Developer und sogenannter Job Creator, die in und für Zeiten nach der Krise von besonderer Bedeutung sind. Auch sogenannte Trend Scouts sollten hier eine wichtige Rolle spielen, insofern sie künftige Entwicklungen erkennen und ihre Möglichkeiten realistisch bewerten. Diese wären von unternehmerisch Handelnden auch umzusetzen, wofür wieder entsprechende, attraktive Rahmenbedingungen zu entwickeln bzw. anzupassen wären, eine wohl gewaltige Herausforderung für die Sozialpartner wie auch für die Regierung und die gesamte Zivilgesellschaft.
Innerbetrieblich gibt es wahrscheinlich ein Bündel von möglichen durchzuführenden Arbeiten, beginnend von vorgezogenen Reparatur-, Service- Instandhaltungsarbeiten bis zur Reaktivierung von bislang nicht realisierten Projekten. Hier sollte es eine bundesweite Projektdatenbank geben, die auch Außenstehenden zugänglich sein und zu sinnvollen Kooperationen und Joint Ventures führen sollten.

Wenn wir über arbeitsmarktpolitische Strukturen sprechen, sollten auch Beschäftigungsmodelle nicht unerwähnt bleiben. Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten für Arbeitgeberzusammenschlüsse, die Betrieben und Beschäftigten Vorteile ermöglichen?
Auch sogenannte Arbeitgeberzusammenschlüsse sollten im Austausch zu flexibleren Kooperationen zwischen benachbarten Unternehmen führen, wo eine auf die individuellen Bedarfe abgestimmte Arbeitszeit mit den betroffenen Arbeitnehmern vereinbart werden. Damit können insbesondere Teilzeitarbeitskräfte aufgewertet und abgestimmter eingesetzt werden.
Wenn in diesen Zeiten so oft von Solidarität gesprochen wird, so wäre ein besonderes Augenmerk auf die über 500.000 Jobsuchenden zu lenken, für die es keinen Job gibt und gegenüber denjenigen, die hierfür ihre Leistung einen Corona-Bonus erhalten sollen, besonders diskriminiert werden. Hier sollte seitens der Wirtschaft auf das keineswegs unbeachtliche Potenzial zurückgegriffen werden.
Es bedarf mehr als nur eines Green Deals, sondern eines Zusammenschlusses aller Kräfte und eines Versuches von Alternativen, um diese Probleme zu lösen. Die globale Krise bedarf einer umfassenden Strategie die es regional wie global zu bekämpfen gilt. Dafür bedarf es solidarischer Verhaltensweisen und einer konsequenten Aufgabe partikularer Interessen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person: Dr. Alexander Norman
Wirtschaftsjurist (Vertragswesen, Projektmanagement, Liegenschaftsverkehr, Behördenverfahren etc.)

Human Ressource Manager mit Schwerpunkt Arbeitsrecht, Personalentwicklung und Innovationsmanagement (BVW) Personalberatung mit Kernkompetenz Outplacement, Karriereberatung, Unternehmensgründungs-Coaching, Training und Coaching im Führungskräftebereich Train the Trainer und Coaching Ausbildung, HR-Expertgroup für Trennung & Veränderung, Mitglied Initiative Unternehmenskultur, Arbeitskreise zu den Themen Arbeit und Bildung (Föhrenberg), Akkredidierter Berater für Insights Potenzial-Analysen.

Vorträge und Seminare zu den Themen Work-Life-Balance, Motivation, Personalentwicklung und Bewerbung, Führung und Kommunikation Meine Klienten kommen aus den unterschiedlichsten Branchen, Unternehmensgrößen und Hierarchiestufen.

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